Chris Günter

Chris Günter

Geschäftsführer bei cäsar gustav · 09.03.2026

Pharmacy First Deutschland: Was Apotheken jetzt wirklich kommunizieren müssen

Der Begriff Pharmacy First Deutschland taucht gerade in fast jedem Strategiegespräch mit Apotheken auf. Vor ein paar Tagen saß ich mit einer Inhaberin und ihrer Filialleitung zusammen, beide hatten Fortbildungen gemacht, beide hatten die internen Abläufe gut aufgesetzt, aber beide sagten denselben Satz: "Wir leisten das, nur kaum jemand fragt aktiv danach." Genau da liegt das Thema.

Nicht in fehlender Qualität, nicht in fehlender Motivation, sondern in der Übersetzung von Fachleistung in Alltagssprache. Wer das hinbekommt, gewinnt Sichtbarkeit ohne Werbezirkus.

Warum "Pharmacy First" in Deutschland gerade überall auftaucht

Viele orientieren sich am britischen Modell. Sinnvoll, solange man trennt, was übertragbar ist und was nicht.

In England ist "Pharmacy First" am 31. Januar 2024 mit festen Indikationen, fester Vergütung und nationaler Kommunikation gestartet. Die Bevölkerung versteht deshalb schneller, was sie in der Apotheke erwarten kann.

In Deutschland ist das Bild fragmentierter. Wir haben bereits Versorgungsbausteine, die funktional in dieselbe Richtung gehen, aber sie werden in der öffentlichen Wahrnehmung als Einzelleistungen gesehen:

  • Impfung
  • Medikationsberatung
  • Präventionsangebot
  • Botendienst

Das führt zu einem typischen Missverständnis. Intern sprechen Apotheken über Prozesse und Leistungsarten. Extern suchen Menschen nach einer einfachen Antwort: "Kann mir meine Apotheke bei meinem konkreten Problem schnell helfen?"

Wenn diese Antwort nicht sichtbar ist, verlieren Apotheken Kontaktchancen an Zufall, Suchmaschinenrauschen und allgemeine Unsicherheit.

Was davon in Deutschland heute schon real ist

Die Rechtsgrundlage steht. Die pDL sind in § 129 Absatz 5e SGB V verankert — ihr kommuniziert damit keine Idee, sondern eine reguläre Versorgungskomponente. Das gibt euch Spielraum, den viele gar nicht nutzen.

Für den Alltag heißt das:

  • Leistung benennen
  • Nutzen formulieren
  • Ablauf verständlich erklären
  • nächsten Schritt direkt anbieten

Viele Teams starten hier zu abstrakt. Es wird beschrieben, welche Leistung formal angeboten wird, aber nicht, welches konkrete Problem für Kund:innen gelöst wird.

Ein Satz wie "Wir bieten pharmazeutische Dienstleistungen nach Rahmenvorgabe" ist korrekt, aber im Alltag schwach. Er beantwortet keine Frage, die am HV oder bei Google wirklich gestellt wird.

Besser ist zum Beispiel:

"Wenn ihr mehrere Medikamente einnehmt, schauen wir gemeinsam, ob alles gut zusammenpasst, und klären offene Fragen in Ruhe vor Ort."

Der Unterschied wirkt klein. In der Reaktion von Kund:innen ist er groß. Mehr dazu in unserem Artikel über pharmazeutische Dienstleistungen bewerben.

Wo Apotheken bei der Kommunikation Punkte verlieren

Nach vielen Audits sehen wir dieselben Muster. Die meisten Fehler sind kein Wissensproblem, sondern ein Strukturproblem.

Abkürzungssprache. pDL, ApoVWG, HV, GKV — intern normal, extern erklärungsbedürftig. Kund:innen müssen Inhalte in Sekunden erfassen können. Sobald Übersetzungsarbeit nötig ist, sinkt die Kontaktquote.

Kanalbruch. Website, Google-Profil und Teamformulierung nutzen unterschiedliche Wörter für dieselbe Leistung. Das verunsichert. Menschen fragen sich, ob es wirklich um dasselbe Angebot geht.

Fehlender nächster Schritt. Viele Seiten informieren, aber führen nicht. Wer am Ende eines Abschnitts nicht weiß, ob er anrufen, vorbeikommen oder online anfragen soll, springt ab.

Unregelmäßiges Timing. Teams posten punktuell, reagieren dann wochenlang gar nicht. In der Außenwirkung sieht das aus, als wäre das Angebot nicht stabil.

Falsche Erfolgsmessung. Es wird Reichweite betrachtet, statt die Qualität der Kontakte zu messen. Für Apotheken zählt nicht primär, wie viele Leute einen Post sehen, sondern ob daraus Beratungs- und Leistungskontakte entstehen.

Diese fünf Punkte klingen banal, aber wer sie behebt, sieht meist innerhalb weniger Wochen spürbar mehr Nachfrage.

Wie ihr formuliert, ohne euch rechtlich in die Nesseln zu setzen

Viele Teams formulieren aus Vorsicht zu unklar. Das kann ich nachvollziehen — HWG-konform und trotzdem verständlich ist nicht trivial. Aber Nebelsprache ist auch keine Lösung.

Der bessere Weg: sachlich formulieren, konkret bleiben, keine Ergebnisversprechen.

Was funktioniert:

  • "Wir beraten euch strukturiert zu eurer Medikation."
  • "Wir prüfen gemeinsam, ob eure Anwendung im Alltag passt."
  • "Wir sagen euch direkt, welche Schritte für euch sinnvoll sind."

Als schnellen internen Check nutze ich drei Fragen:

  1. Beschreibt der Satz eine Leistung oder ein Versprechen auf Ergebnis?
  2. Ist die Aussage fachlich belegbar?
  3. Würdet ihr den Satz in einer Dokumentation genau so vertreten?

Wenn eine Antwort wackelt, wird umformuliert. So bleibt ihr rechtlich stabil und trotzdem verständlich.

Wie ihr eure Inhalte über vier Kanäle konsistent haltet

Für Pharmacy First braucht ihr keine aufwendige Kampagnenarchitektur. Ihr braucht ein kleines, diszipliniertes Set an Aussagen, das überall gleich klingt.

Website — dort liegt die Referenzversion eurer Leistungsbeschreibung. Pro Leistung reichen vier Blöcke: Was ist das? Für wen ist es sinnvoll? Wie läuft es bei euch ab? Wie startet man? Mehr dazu in unserem Artikel zu Apotheken-Websites.

Google Business Profil — dort müssen dieselben Kernbegriffe auftauchen wie auf der Website. Wenn die Seite "Medikationsberatung" sagt, das Profil aber "Arznei-Check Plus", erzeugt das unnötige Reibung.

Vor-Ort-Kommunikation — ein kurzer Aufsteller mit zwei typischen Fragen wirkt oft besser als ein voller Informationsbogen. Menschen lesen im Vorbeigehen. Kurz gewinnt.

Teamgespräch am HV — der größte Hebel bleibt die sprachliche Konsistenz in der Beratung. Deshalb sollte jede Kernleistung drei Standardantworten haben: Was bringt mir das? Wie läuft es ab? Was muss ich mitbringen?

Der praktische Nebeneffekt: Das Team beantwortet weniger Wiederholungsfragen, weil viele Punkte vor dem Gespräch schon geklärt sind.

Ein realistischer 30-Tage-Plan für kleine Teams

Viele Inhaber:innen sagen mir, sie hätten keine Luft für große Marketingprojekte. Das stimmt oft. Deshalb braucht es ein Setup, das in normale Wochen passt.

In der ersten Woche geht es um Priorisierung: Zwei Kernleistungen wählen, pro Leistung einen verständlichen Satz festlegen, den verbindlichen Kontaktweg definieren. Dafür reichen 90 Minuten mit Inhaber:in und einer erfahrenen PTA.

Woche 2 ist Content-Abgleich. Website und Google-Profil sprachlich synchronisieren. Öffnungszeiten, Telefonnummer und Reaktionszeiten prüfen. Zwei bis drei Stunden.

In Woche 3 geht es ans Team: Vor-Ort-Kommunikation bereitstellen, Leitfaden im Backoffice verteilen, kurze Schichtübergabe mit Formulierungsprobe. 60 bis 90 Minuten.

Woche 4 ist Nachsteuerung: Welche Fragen kamen wirklich? Wo gab es Missverständnisse? Welche Formulierungen haben funktioniert? Nur die betroffenen Stellen anpassen, nicht alles neu schreiben. 45 Minuten.

Insgesamt sechs bis acht Stunden im Monat. Für die meisten Teams realistischer als jede Kampagne mit dauerndem Kreativdruck.

Ein Tipp aus der Praxis: Legt die Verantwortung nicht auf eine Person. Wenn alles an einer Mitarbeiterin hängt, bricht der Prozess bei Urlaub, Krankheit oder Stoßzeiten sofort auseinander.

Welche Kennzahlen euch wirklich weiterhelfen

Ohne Zahlen wird Kommunikation schnell zur Meinungsdiskussion. Ihr braucht keine große Reporting-Infrastruktur, aber ein kleines, belastbares KPI-Set.

Ich empfehle für den Start fünf Werte:

  1. qualifizierte Nachfragen pro Kernleistung
  2. Anteil der Nachfragen mit Termin- oder Beratungswunsch
  3. Quelle der Anfrage (Google, Website, HV, Telefon)
  4. Zeit bis zur ersten Rückmeldung
  5. tatsächlich durchgeführte Leistungen pro Monat

Diese Werte zeigen euch, ob das Problem bei Sichtbarkeit, Verständlichkeit oder Prozessgeschwindigkeit liegt.

Ein anonymisiertes Beispiel: Vor dem Umbau lagen die qualifizierten Nachfragen zu Medikationsleistungen bei 11 pro Monat. Acht Wochen nach der kanalübergreifenden Vereinheitlichung bei 29. Parallel sank die Gesprächsdauer bei Erstkontakten, weil Grundfragen vorab geklärt waren.

Der Effekt war nicht "mehr Werbedruck", sondern weniger Reibung im Alltag.

Damit die Zahlen vergleichbar bleiben: fester Monatsrhythmus. Immer am gleichen Wochentag, immer mit derselben Logik. Sonst diskutiert ihr am Ende mehr über Ausnahmen als über Entwicklung.

Ein Ablauf, der sich in kleinen Teams bewährt hat:

  • 15 Minuten Datensichtung durch die verantwortliche Person
  • 20 Minuten Teamrunde mit den drei wichtigsten Beobachtungen
  • 10 Minuten Entscheidung zu maximal zwei Anpassungen für den nächsten Monat

Mehr braucht es nicht.

Hilfreich ist auch ein Mini-Qualitätscheck für jede veröffentlichte Leistungsbeschreibung. Vier Fragen, bevor ein Text live geht:

  1. Versteht eine Person ohne pharmazeutischen Hintergrund den ersten Absatz sofort?
  2. Ist der nächste Schritt als Handlung formuliert?
  3. Nutzt der Text dieselben Begriffe wie Google-Profil und HV-Gespräch?
  4. Enthält die Formulierung ein belastbares Leistungsversprechen statt eines unklaren Werbesatzes?

Wenn zwei oder mehr Fragen mit Nein beantwortet werden, wird nachgeschärft.

Pharmacy-First-Kommunikation ist kein einmaliges Projekt. Leistungen ändern sich, Saisonalität ändert sich, Teams ändern sich. Lieber regelmäßig kleine Anpassungen als alle zwölf Monate ein großer Relaunch.

Wenn ihr Pharmacy First in eurem Standortalltag wirksam machen wollt: klein starten, sprachlich diszipliniert arbeiten und entlang echter Versorgungsanfragen messen. Wenn ihr dabei Unterstützung bei Struktur, Text und Kanalabgleich braucht, sprecht uns an.

FAQ

Was bedeutet Pharmacy First für Apotheken in Deutschland?

Pharmacy First beschreibt den Ansatz, dass Menschen bei bestimmten Gesundheitsanliegen zuerst die Apotheke aufsuchen. In Deutschland gibt es dafür bereits Grundlagen, etwa die pharmazeutischen Dienstleistungen nach § 129 Absatz 5e SGB V. Die Herausforderung liegt nicht im Angebot, sondern in der Kommunikation.

Wie kommuniziere ich neue Leistungen HWG-konform?

Sachlich, konkret und ohne Ergebnisversprechen. Beschreibt, was ihr tut, nicht was dabei herauskommt. "Wir prüfen gemeinsam, ob eure Medikation im Alltag passt" funktioniert. "Wir lösen eure Medikamentenprobleme" nicht.

Wie viel Zeit kostet Pharmacy-First-Kommunikation im Monat?

Mit einem fokussierten Ansatz sechs bis acht Stunden im ersten Monat: Kernleistungen priorisieren, Website und Google-Profil abgleichen, Team briefen und nach vier Wochen nachjustieren. Danach reicht ein monatlicher 45-Minuten-Review.

Welche Kanäle sind für Apotheken am wichtigsten?

Website als Referenz, Google Business Profil für die lokale Suche, Vor-Ort-Kommunikation und das Teamgespräch am HV. Diese vier Kanäle sprachlich konsistent zu halten bringt mehr als fünf Social-Media-Plattformen parallel zu bespielen.

Wie messe ich, ob meine Pharmacy-First-Kommunikation funktioniert?

Nicht über Reichweite, sondern über qualifizierte Nachfragen pro Leistung, Anteil der Kontakte mit konkretem Beratungswunsch und tatsächlich durchgeführte Leistungen pro Monat.

Newsletter

Erhalte regelmäßig Tipps und Insights rund um Apothekenmarketing.

Ruf uns an

015678 125-000

Schreib uns

post@caesargustav.de

cäsar gustav GmbH

Königstraße 27
Stuttgart